Freitag, 24. Januar 2020

Bochum Buzzwords oder einfach nur genervt

Eine Entscheidungsgrundlage für den Umzug von Berlin nach Bochum bildeten wochenlange Recherchen über die für mich lebensnotwendige Infrastruktur. Bei der Recherche und Wohnungssuche in ersten Halbjahr 2018 wurde ich sogar von Menschen in Bochum unterstützt.
Im Rückblick auf die Zeit in der ich nun wieder hier bin, muss ich sagen, dass ich ziemlich sauer bin, dass die beworbenen Dienstleistungen und Angebote in einer enormen Flut von hoch professionellem Werbematerial schlicht und ergreifend in der Alltagsrealität nicht lieferbar sind.
Unternehmen wären bei so etwas wegen unlauteren Wettbewerbs in Schwierigkeiten.
Es ist einiges deutlich besser als in Berlin.
Aber einige Dinge machen mich deshalb sauer, weil die selben Akteure wie vor 25 Jahren auch nochmal einen Beitrag geleistet haben, meine Zukunft zu ruinieren.
Die wenigen Leute, die mich näher kennen und denen ich mein Überleben zu verdanken habe, haben mir sehr oft die Frage gestellt, ob ich es bereuen würde, nach Bochum zurück gekehrt zu sein. Das mache ich immer noch nicht... aber für Freudensprünge reicht es seltener als für genervt sein.
Ist vielleicht vielen hier nicht so dermassen bewußt.
Aber ich habe die letzten 10 Jahren in Ostdeutschland verbracht. Ich habe in Ostberlin gearbeitet und sämtliche privaten Kontakte wohnten im Osten oder in Brandenburg und hatten Ost-Sozialisation.
Und die 20-Jahrfeier der friedlichen Revolution / Fall der Mauer habe ich einerseits an der Mauer ... ein Denkmal geschützter Streifen der Berliner Mauer unweit meiner Wohnung und Arbeit verbracht ... und die Stalin-Orgel aus Schicksalsschlägen in dem Jahr hat mir die Zeit bei meiner Familie in Wismar nochmal extrem ins Bewußtsein hoch geholt und bis zum letzten Tag in Berlin war das immer präsent. Einer der drei engsten Freunde in Berlin war Stasi-Opfer und dadurch traumatisiert.
Ein Arbeitskollege war Opfer einer "Zersetzung" - einer Stasi-Operation bei der Menschen systematisch psychisch zerstört und gesellschaftlich/sozial vernichtet werden. Neben Mord, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch ist "Zersetzung" das größtmögliche Verbrechen an einer Einzelperson.
Nach außen hin sah es für Nachbarn und Kollegen so aus, als wäre jemand einfach schwer psychisch krank geworden.
Und hat dadurch eine extreme Form der PTSD, der Posttraumatischen Belastungsstörung.
Ich kenne aus meiner ganzen Zeit in den ersten Berlin-Jahren und aus den 80ern in Wismar die Diskrepanz zwischen der gesamten öffentlichen Kommunikation im Alltag bis hin zu Propaganda-Schildern die im Stadtbild so präsent waren, wie bei die Werbeplakate...
Ich habe Berlin und Menschen "aus dem Osten" hautnah erlebt und viele Dinge, die ich über Jahre mit ihnen besprochen habe, sind Teil der etwas anstrengenden aber sehr interessanten und wichtigen Inhalte meines jetzigen Studiums....
.... und deshalb kann ich noch nicht in Worte fassen, aber absolut nachempfinden und nachvollziehen, was in Ostdeutschland los ist, wenn die Menschen von der Diskrepanz zwischen Alltagsrealität und Propagandalügen zerrissen werden.
Die Menschen in den neuen Bundesländern mussten über Nacht -ohne jedwede Sprachkurse- eine so hohe Anzahl neuer Wörter in der Alltagssprache lernen, so viel Wörter haben in einigen meiner ehemaligen Nachbarschaften hier im Westen noch nicht mal als Wortschatz.
Hier im Ruhrgebiet gibt es viele Stadtteile, die im Vergleich zu Berlin und Brandenburg durch stark sichtbaren Wohlstand auffallen, von dem auch hier je nach Stadt 10-20 Prozent ohne jede Chance ausgeschlossen sind.
Die Menschen an der Ruhr sind über viele Generationen Kummer in Dimensionen gewöhnt. die man sich im Rest Europas auch nicht überall vorstellen kann. Deshalb halten die Leute hier die Klappe in Situationen, in denen in anderen Großstädten wie Berlin, Paris, Norditalien viele Autos brennen und Revolten brodeln, die n bisschen krasser sind die Kreuzberg 1-Mai Folklore oder das was Berlin-Touristen aus Westdeutschland von ihren Städtereisen so kennen mögen.
Deshalb werde ich hier -auch unter gebildeten Akademikern- und weltgewandten Globetrottern oft angeschaut wie ein Alien von einem anderen Planeten, wenn ich über Dinge Rede und das in einer Form, die bei da bei uns in Berlin im Quartier, auf der Arbeit oder sonst wo absolut normale Alltagskonversation war.
Jedenfalls war einige Informationen die ich in Berlin als Entscheidungsgrundlage für meinen Weg zurück nach Hause, schlichtweg Werbe- und PR-Lügen.
Diese PR-Lügen halt, die ätzen mich mich derzeit enorm an.
Und leider zerstören sie auch in einem für mich vorher unbekannten Maß sehr viel Vertrauen und Motivation.
Die gesamte Munition, die in der letzten Zeit vom Rechtspopulismus und den rechten Demagogen gekapert wurde, ist von der Substanz her genau das, was diese riesige P/R-Maschine in den letzten 20 Jahren in Umlauf gebracht hat. Und die Wut der Bürger war schon vor Pegida und Co ein Jahrzehnt auf absolutem Maximum und wenn was davon artikuliert wurde, dann von "linker" Seite.
Also ich kann Worthülsen wie Mobilität, Inklusion und Digitalisierung nur noch in dem geringen Maß ertragen, wie es vielleicht viele 1988 die permanente Selbstbelobigung des Staates DDR im Kontrast zur Realität erlebten.
Wenn nicht einem Menschen, sondern einer ausreichenden Menge an Menschen die Existenzgrundlage, die Lebensarbeitsleistung von Generationen, die Gesundheit und mittlerweile deutlich messbar die Lebenserwartung um Jahrzehnte verkürzt wird wegen extremer Ungleichheit aufgrund von Gesetzen, Staatlichem Handeln und Handeln von übermächtigen Großakteuren in der Gesellschaft....
.... dann ist bei all dessen, was unsere Gesellschaft und Zivilisation im Moment antreibt und ausmacht die schlichte Reduktion auf "Afd/Nazis" wirklich abartig und die dafür Verantwortliche auf allen Ebenen handeln m.E. grob fahrlässig.
Die entsprechenden Bücher mit schöneren Worten und besserer Recherche und sozialwissenschaftlich gesicherten Wissen und Erkenntnissen gibt es mittlerweile einige. In Korrelation zur eigenen Lebenserfahrung hat das wohl aber kaum jemand gelesen...

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